Themen - Rote Hilfe 30er Jahre

Erstellt am Montag, 12. März 2012 / Archiv - Fotos
Tags: RHD Pioniere Plauen, Rote Hilfe 30er Jahre

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Erstellt am Montag, 12. März 2012 / Archiv - Textbeiträge
Tags: RHD Pioniere Plauen, Rote Hilfe 30er Jahre

RHPioniere-Plauen2„Stets bereit! „
Die Kindergruppen der Roten Hilfe Anfang der 30er Jahre

Dem Hans-Litten-Archiv ist es gelungen, eine seltene historische Photographie von einer Kindergruppe der Roten Hilfe Dresden-Plauen Anfang der 1930er Jahre für seine Sammlung zu erstehen. Solche Pioniergruppen der Roten Hilfe wurden nach einer „Internationalen Kinderwoche“ im Mai 1931 von der Roten Hilfe Deutschlands (RHD) aufgebaut. Zur Begründung hieß es: „Durch die christlich-bürgerlichen, sozialdemokratischen und faschistischen Kinderverbände werden große Massen von Arbeiterkindern von der Klassenkampfideologie ferngehalten und der kapitalistischen Ausbeutung gefügig gemacht. Diesen Bestrebungen muss durch die Schaffung von revolutionären Arbeiterkinderorganisationen energisch entgegengetreten werden, um die Kinder der klassenbewussten Arbeiterschaft durch revolutionäre Erziehung für den politischen Kampf zu schulen und sie dem Einfluss der gegnerischen Kinderverbände zu entreißen.“

Die RH-Pioniere erfassten 10- bis 13-Jährige. Ältere wurden in Jugendgruppen zusammengefasst oder schlossen sich gleich den Ortsgruppen der Roten Hilfe. Zur Aufnahme in den Pionierverband gelobten die Kinder: „Ich, Rote Hilfe-Pionier, verspreche feierlich vor meinen Genossen, dass ich fest für die Sache der Arbeiterklasse im Kampf um die Befreiung der Arbeiter und Bauern und aller unterdrückten Völker eintrete; für die Befreiung der proletarisch-politischen Gefangenen, die in den Kerkern der Kapitalisten schmachten, kämpfen, ehrlich und unerschütterlich, das Vermächtnis Lenins und die Bestimmungen des Pionier-Verbands einhalten werde.“  Erst nach Ablegen des Versprechens waren die Pioniere berechtigt, die Uniform aus einem schwarzen Satin-Kittel mit gestickten RHD-Abzeichen auf der linken Brustseite, einem roten Pioniertuch  und einer roten Kordel als Gürtel zu tragen. Wie auch in den anderen Pioniergruppen lautete der Gruß der RH-Pioniere „Stets bereit!“

Außer in Bayern, wo Gesetze die politische Organisierung von Kindern verboten, gab es in allen Bezirken der Roten Hilfe Pionierabteilungen. Im Mai 1932 gehörten reichsweit 3466 Kinder zu 153 RH-Pioniergruppen, bis Ende 1932 wuchs die Zahl der Pioniere auf rund 6000 an.

Bei den Kindergruppenzusammenkünften nahmen neben politischen Referaten Spiele, Sport und Theater den meisten Raum ein. So veranstalteten die Pioniere im Berliner Wedding ein „Amateur-Roller-Traktoren-Rennen“ auf der Weberwiese. „Unsere Roller sollen die Traktoren darstellen, die mit größtem sozialistischem Tempo eine neue Welt erobern und aufbauen helfen, wie es in Sowjetrussland ist.“ Auch Mädchen nahmen an dem Rennen teil. „Bei uns gibt es keinen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen. Bei uns gibt es nur einen Unterschied zwischen schlechten und guten Pionieren.“ Am Rande des Rennens verkauften die Pioniere Literatur der Roten Hilfe und sammelten Gelder für die Gefangenenhilfe.

Mit kleinen Theaterstücken und Rezitationen revolutionärer Verse beteiligten sich die Pioniere an Versammlungen und Demonstrationen der Roten Hilfe. Ein Stück mit dem Titel „Die Rote Hilfe“ führte auf kindgerechte Weise den Nutzen der Roten Hilfe vor. Fünf Mädchen und vier Jungen stellen sich hierzu in einem Halbkreis auf. Zuerst marschieren ein „Priester“ und ein „Polizist“ als „Eckpfeiler der bürgerlichen Gesellschaft“ auf. Ein Kind, dessen Vater für 10 Jahre ins Zuchthaus musste, scheitert mit seiner Suche nach Beistand hintereinander an der privaten Fürsorge, der Kirche, dem Roten Kreuz und anderen bürgerlichen Institutionen. Zuletzt erscheint ein kleinen Mädchens und bietet seine Hilfe an.

Hilfesuchendes Kind: „Du, Du bist selbst so arm und schwach.

Kleines Mädchen: „Ich habe aber eine große Schwester in Russland und in allen Ländern, die helfen Dir mit mir und die deutschen Arbeiter werden dafür sorgen, dass ich bald so groß und stark werde, dass ich Dir allein helfen kann.“

Hilfesuchende Kind: „Wer bist Du denn?“

Kleines Mädchen: „Ich bin die Rote Hilfe“.

(gehen Hand in Hand ab)

Beliebt bei den RH-Pionieren waren die von der Internationalen Roten Hilfe organisierten Brieffreundschaften mit Gruppen der „Jungen Freunde der MOPR“, also der Roten Hilfe in der Sowjetunion. Schließlich gehörte es zu den Pflichten der RH-Pioniere, zusammen mit anderen Pionierverbänden, „den gemeinsamen Kampf zu führen, zu dem sich alle Pioniere in dem `Roten Schulvorposten´ zusammenschließen - dem Schulkampf gegen Schulfaschismus und prügelnde Lehrer, für Kinderspeisung, für freie Lehrmittel usw.“

Nick Brauns

Historische Quelle: „Die Kinder und die Rote Hilfe“

Die bekannte Revolutionärin, Schauspielerin und Photographin Tina Modotti (1896-1942) schrieb 1931 in der Funktionärszeitung der Roten Hilfe MOPR einen Beitrag über Arbeit der Internationalen Roten Hilfe (IRH) mit Kindern. Der vollständige Artikel und weitere Texte von Modotti über die Rote Hilfe sind auf der Website des Hans-Litten-Archivs veröffentlicht. (www.hans-litten-archiv.de)

 […] Im Schritt mit der wirtschaftlichen Ausbeutung und unmenschlichen Behandlung der Kinder in der Produktion geht die Verfolgung und Bestrafung der Kinder- aus dem proletarischen revolutionären Organisationen (Rote Pioniere usw.) vor sich. Es würde genügen, die Polizeiattacken, die brutale Mißhandlung und die verschiedenen Repressionen gegen den zweiten Internationalen Kinderkongreß anzuführen, der in Berlin im Sommer des Jahres 1930 tagte. Über 100 Kinder wurden in diesen Tagen in Berlin verhaftet; die Polizei überfiel selbst die Arbeiterwohnungen, wo die ausländischen Pionierdelegierten untergebracht waren: der sozialdemokratische Polizeipräsident in Halle verbot die Abhaltung des Kinderkongresses in diesem Ort auf Grund einer "hygienischen Gefahr". Die Einreise der russischen Delegierten nach Deutschland war verboten und der bayrische Unterrichtsminister erteilte entsprechende Instruktionen, die die Teilnahme an dem Kinderkongreß strengstens untersagten. In anderen Ländern sind die Verhältnisse nicht besser. In den USA wurde ein Sommerlager der Roten Pioniere von den Ku-Klux-Klan-Leuten mit Unterstützung der öffentlichen Behörden überfallen. Der wildgewordene Pöbel riß die von den Kindern aufgehißte rote Fahne herunter- und forderte die Hissung des amerikanischen Sternenbanners. Da die zwei jungen Mädchen Mabel Husa und Ailene Holmes zusammen mit den Kindern tapfer und fest sich weigerten, dieses zu erfüllen, wurden beide verhaftet. Eine Strafe von 3 Monaten Gefängnis wurde über sie verhängt. während das Kinderlager gänzlich zerstört und die Kinder vertrieben wurden. […]

Das Drangsal der Kinder infolge der Verfolgungen und des weißen Terrors gegen ihre Eltern bedarf keiner weiteren Beschreibung. Die IRH widmet besondere Aufmerksamkeit der Unterstützung der Waisen der Opfer des Klassenkampfes (RH-Kinderheime, materielle Hilfe usw.) Diese Waisen und die Kinder, deren Väter im Gefängnis sitzen oder ausgewiesen sind, haben somit nicht nur ihren Ernährer verloren, sondern sind auch den schändlichsten Schikanen ausgesetzt. Es wird eine Atmosphäre der Verachtung von den Lehrern in den Schulen und von den Nachbarn um sie gebildet; sie werden von den übrigen Kindern von oben herab betrachtet und erfreuen sich keines Vertrauens bei ihnen, weil ihre Väter im Gefängnis eingekerkert sind. Der moralische Effekt solcher Plackereien auf die Waisen und Kinder der Opfer des Klassenkampfes kann sehr gefährlich werden, sie könnten einem Gefühl der Minderwertigkeit ausgesetzt werden, wenn die Kinder noch nicht stark genug vom revolutionären Geist durchdrungen sind. Und hier kommt nun allen RH-Organisationen die direkte Aufgabe der Mobilisierung dieser Kinder zu. Es ist nicht nur die Pflicht der IRH, diese Kinder materiell zu unterstützen, sie muß auf für ihre moralische Erziehung verantwortlich sein. Wir dürfen nicht zulassen, daß die Waisen der Opfer des Klassenkampfes in die Hände der Bourgeoisie fallen, wie das mit den Waisen der ermordeten Ella May in Gastonia der Fall war.

Wie sind nun die Kinder durch die IRH zu mobilisieren und wie ist die IRH-Arbeit für sie interessant zu gestalten? Um gute Resultate auf diesem Gebiet zu erzielen, muß vor allen Dingen eine Kinderabteilung unter der Leitung eines Genossen (eventuell einer Frau, die am besten für die Arbeit unter den Kindern geeignet ist geschaffen werden. Man muß mit der Hineinziehung der Kinder der IRH-Mitglieder, der Kinder der Ermordeten, Eingekerkerten, Verfolgten, Ausgewiesenen usw. in die entsprechende Organisation beginnen. Darauf sind Kindergruppen zu schaffen, die jedoch nicht einfach ein Gegenbild der Gruppen für Erwachsene sein dürfen-, die Kindergruppen müssen genügend elastisch sein, um eine höchst bewegliche vielförmige Gruppierung nach dem Alter, den Eigentümlichkeiten der verschiedenen Schichten zu ermöglichen. Die Arbeit muß anziehend und der Mentalität der Kinder angepaßt sein: Kindersport, Spiele, Ausflüge, haben einen Teil des Programms zu bilden, wobei es sich erübrigt zu erwähnen, daß der Kulturarbeit die größte Aufmerksamkeit zu widmen ist. (Vorlesungen, konstruktive Kinofilms, revolutionäre Lieder usw.)

Bei allen internationalen Tagen und RH-Kampagnen können die Rote-Hilfe-Kindergruppen zu verschiedenen Zwecken ausgenützt werden, und zwar als Kinderdelegationen zum Besuch der politischen Gefangenen in den Kerkern, an den Gräbern der im Klassenkampf gefallenen revolutionären Märtyrer, Delegationen für Geldsammlungen und zur Verbreitung spezieller Unterschriftenlisten für verschiedene Zwecke. An allen öffentlichen revolutionären Demonstrationen müssen die RH-Kindergruppen in Massen mit speziellen RH-Kinderlosungen teilnehmen.
Die RH-Kinderabteilungen haben auch unter den bestehenden Kinderorganisationen zu arbeiten und RH-Gruppen in letzteren, wie z.B. in den Roten Pionier-, Sportorganisationen, Schul- und wirtschaftlichen Vereinen, zu schaffen, wobei der Hauptzweck der ganzen RH-Kinderarbeit in der Durchdringung aller Kinder mit dem Geist der Klassensolidarität und im Kampf gegen den Chauvinismus und gegen die Rassenvorurteile bestehen muß, die den Kindern von ihren bürgerlichen Eltern und den kapitalistischen Schullehrern eingeimpft werden. […]

Erschienen in MOPR, Berlin, Nummer 4/1931

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